Katrin hat die Diagnose Brustkrebs bekommen. Wie sie damit umgeht, liest du hier.

Diagnose Brustkrebs. Oder: Vom Leben, der Hoffnung und dem Laufen

Ich liege auf dem Bett. Auf dem Rücken. Auf meinem dritten Augen liegt ein Rosenquarz, den eine sehr gute Freundin mir geschenkt hat. Der kleine Stein gibt alles, ist aber eben nur ein kleiner Stein und offenbar überfordert angesichts der Dunkelheit in meinem Körper, derer er sich annehmen soll. Ich denke: „Ein hinkelsteingroßer Heilstein wäre jetzt was, sozusagen ein Obelix-Rosenquarz.“ Theoretisch eine Vorstellung, die mich kurz lächeln lässt. Praktisch? Schwierig. Würde ich mit einem zentnerschweren Heilstein auf der Stirn überhaupt noch lächeln können, würde es zumindest niemand mehr sehen. Das wäre schade.

Kummer verstopft meine Nase und Tränen laufen über meine Schläfen

In meine Ohren und meinen kahlen Kopf, hinunter in die Kapuze meines Pullovers, die sich wie eine kalte, nasse Schale an meinen Schädel schmiegt. Suboptimal. Wenn ich mich aufrichte läuft allerdings schwallweise Blut aus meiner Nase und saut die Bettwäsche ein, die ich mittlerweile täglich in kaltem Wasser auswasche muss, damit mein Bett an eine Schlafstätte erinnert und nicht an einen Dexter Tatort. Auch suboptimal. Deshalb entscheide ich mich für die blutfreie Variante.

Immerhin befinde ich mich in einer Wohnung, die nur theoretisch mein zuhause ist. Oder nur praktisch. Jedenfalls nicht „in echt“, wie wir das als Kinder immer genannt haben, wenn es einen Konflikt zwischen unserer Vorstellungskraft und der Wirklichkeit gab. Und den gibt es bei mir in letzter Zeit oft. Eigentlich permanent. Es ist eher der Normalzustand als die Ausnahme.

Theoretisch, weiß ich zum Beispiel, müsste ich jetzt gleichmäßig und tief atmen, Körper und Geist zur Ruhe bringen, mich daran erinnern, dass ich Yogalehrerin bin und genau das mein Beruf ist. Praktisch findet nicht mal der Hauch eines Atemzuges seinen Weg vorbei an meinen zugeschwollenen Nebenhöhlen und mein Geist spukt ausgelassen zwischen trüben Erinnerungen und apokalyptischen Zukunftsszenarien. Und jetzt? Ich denke: „Wenn mir noch einer erzählt, dass ich theoretisch glücklich sein sollte, weil das schlimmste angeblich überstanden ist und es von nun an – theoretisch – nur noch bergauf geht, dann wird es doch noch einen Dexter Tatort geben.“

Denn praktisch geht es eben bergauf. Bergauf – das ist anstrengend.

Viel anstrengender, als es sich selbstmitleidig unten im Tal mit seinen Zweifeln und Ängsten gemütlich zu machen und in der Annahme, man hätte ewig Zeit, einen ebenso langen wie unnützen Schal zu stricken, aus Theorien über den Sinn des Lebens, Recht und Unrecht und vagen Vorstellungen einer besseren Version unserer Existenz, die uns aber bitteschön ohne viel Aufhebens einfach vor die Füße fallen soll. Jeder weiß, dass das Tal tief, schattig und kalt ist, der Weg bergauf zur Spitze, zur Sonne, zum freien Blick auf das Feld der Möglichkeiten und den Horizont der Hoffnung aber ein echter Kraftakt, eine Tortur. Das Gefühl, das wir theoretisch mit dem Begriff „bergauf“ in Worte zu fassen versuchen, ist das, was wir Wandernden erst empfinden, wenn wir auf dem Gipfel angekommen sind und der Blick und das Herz weit werden können.

Und anders als in den Hamburger Altbau-Treppenhäusern gibt es im echten Leben nur sehr selten eine kleine Eckbank zum Verschnaufen auf halben Weg nach ganz oben. Es geht immer weiter und weiter und weiter und die Energie wird immer weniger und weniger und weniger.

Praktisch hilft keine Theorie. Mein Tal ist eine potenziell tödliche Krankheit.

Mein Tal ist Krebs. Theoretisch kein großes Ding. Das Tal ist ziemlich dicht bevölkert. Immerhin erkranken mehr als 14 Millionen Menschen auf der Welt jedes Jahr an Krebs. Und die Zahl wird sich laut WHO bis 2030 sogar verdoppelt haben. Manchmal macht mir das schreckliche Angst, wenn ich daran denke, dass es rein statistisch auch meine Freunde, meine Familie, meine Kollegen, meine Nachbarn in dieses Tal führen wird. Dann möchte ich sie beschützen, ihnen gute Ratschläge zurufen, den richtigen Weg zeigen … und scheitere an der Praxis. Denn praktisch kann ich nur mich selbst beschützen, wenn überhaupt, indem ich anfange, wieder bergauf zu gehen. Praktisch hilft hier keine Theorie.

Dieses ganze Theorie-Praxis-Dilemma macht meine Wanderung bergauf zwar nicht leichter, lehrt mich aber viel über mein Yoga. Denn all die Theorie bleibt eben Theorie, wenn ich keine Möglichkeit finde, sie praktisch zu leben. Also meinen Geist auch noch beruhigen kann, wenn die Nase dicht und die Lage ernst ist. Ohne High-Tech-Yogamatte und bunte Hipster-Leggings. Solange ich noch annahm, das Leben wäre planbar, als sich die Dramen in Grenzen hielten und abgesehen von der ein oder anderen Höhe, Tiefe oder überraschenden Wegzweigung alles auf einem gut begehbaren Pfad verlief, konnte ich mir auch hervorragend einreden, dass ich das schon ganz prima hinkriege mit der gelebten Theorie. „Ha! Dir zeig ich’s, du überhebliches kleines Ding.“, sagte sich das Leben und schenkte mir zur Abwechslung mal eine echte Prüfung. „Mal sehen, wie praktisch deine tollen Yoga-Theorien noch sind, wenn das physische Leben plötzlich die Illusion der Unendlichkeit verliert. Nicht theoretisch, sonder ganz praktisch.“

Chapeau, liebes Leben. Ich verneige mich vor deiner Genialität, deiner Grausamkeit und deinem Vertrauen in mich.

Denn du scheinst davon auszugehen, dass ich die Prüfung bestehe. Ich hoffe, du behältst recht.

Herman Hesse sagt:

„Theorie ist Wissen, das nicht funktioniert. Praxis ist, wenn alles funktioniert und man nicht weiß warum.“

Funktioniert denn nun gerade alles? Oder funktioniert nichts? Bin ich in der Theorie gefangen oder lebe ich die Praxis?

Wenn dich die Diagnose Brustkrebs heimsucht, ist das ein großer Schock. Doch da fängt dein Yoga erst an.

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Fernab ausgetretener Pfade finden sich kleine Wunder

Vielleicht ist der Schlüssel, sich von beiden Begriffen zu lösen und stattdessen ins Vertrauen zu kommen. Vielleicht ist das dann gelebtes Yoga, gelebtes Leben. Und vielleicht geht es genau darum in dieser Prüfung. Die Entscheidungen, die ich treffe, kann ich immer nur im Hier und Jetzt treffen, mit dem Wissen, das mir zur Verfügung steht, auf Basis einer Theorie, die der Praxis vielleicht standhalten wird, vielleicht auch nicht, auf der Basis von Vertrauen in mich und das Leben. Ich habe bisher ein paar gute Entscheidungen getroffen und ein paar richtig schlechte. Aber wenigstens habe ich Entscheidungen getroffen, trete nicht auf der Stelle, sondern setzte weiter einen Fuß vor den anderen, bewege mich, bergauf, bergab, vorwärts, rückwärts.

Und neben Abschnitten mit viel Selbstmitleid und Gejammer merke ich doch, dass ich meine Umgebung intensiver wahrnehme, seit der Krebs mein Leben auf Schritttempo verlangsamt hat. Und das ist schön. Der Weg ist steinig, aber hin und wieder fällt mir ein Rosenquarz vor die Füße und glitzert und funkelt zwischen all dem Geröll. Mein Blick schweift über die karge, weite Steppe, aber hier und da wachsen auch Blumen am Weg, die so exotisch sind, so besonders, so einzigartig. Kleine Wunder, die ich nur finden kann, weil ich mich fernab der ausgetretenen Pfade bewege. Theoretisch unbekanntes Land, ein Weg voller Gefahren. Praktisch beinhaltet dieser Abschnitt alles, was im Rahmen meiner Vorstellungskraft liegt. Suche ich die Angst, finde ich Terror. Vertraue ich mich dem Moment an, begegnet mir das Leben in all seiner Fülle.

Eine dieser einzigartigen Blumen, die ich auf meiner Reise am Wegesrand entdecken durfte, sagte mir gestern Abend: „Katti, es ist egal wie weit du läufst. Aber lauf. Denn Mut wird belohnt. Und das ist erst der Anfang.“ Und genau das mache ich jetzt.

Ich trete Theorie und Praxis in die Tonne und mache das einzig Vernünftige. Ich laufe.

Ich laufe. Wie Forrest Gump. Ich laufe quer durch alle Facetten meines Lebens. Über Peine, Pattensen, Paris, entlang der heiligen Ufer von Ganga Ma, quer durch den verzauberten Orient und bis tief in die Ebenen Kasachstans. Ich laufe durch Gesundheit und Krankheit, Trauer und Freude, Yoga und Energiewelten. Ich laufe durch viel zu enge Rahmen und verliere mich in viel zu viel Freiheit. Ich laufe mit Freunden an meiner Seite und Fremden. Menschen begleiten mich ein Stück und lösen sich dann wieder von mir, finden ihren eigenen Weg, kommen zurück oder auch nicht. Ich laufe durch die Vergangenheit, die Gegenwart und in Richtung der Zukunft, ohne einen blassen Schimmer, was mich dort erwartet. Ich laufe durch Täler der Melancholie, des Bereuens, des Bedauerns, der Hoffnungslosigkeit und erklimme Hochgebirge der Zuversicht, der Verbundenheit, der Zuneigung. Ich laufe durch Vertrauen und Verrat, Selbstliebe und Selbstzweifel, Opferrollen und Heldenphantasien. Ich laufe. Ich laufe, als gäbe es kein Morgen, weil ich verstanden habe, dass das nicht nur ein platter Spruch, sondern tiefe Wahrheit ist.

Und plötzlich wird alles leicht, mühelos und frei

Echte Läufer beschreiben immer wieder dieses Hochgefühl, Runner’s High. Diesen rauschähnlichen Zustand, der kurz nach dem Punkt einsetzt, wenn man glaubt keinen Schritt mehr tun zu können, wenn man überzeugt davon ist, gleich ginge nichts mehr. Gar Nichts. Ende. Aus. Dann plötzlich wird alles leicht und mühelos und frei. Und nach und nach verstehe ich wieder ein klitzekleines bisschen mehr über „das Leben, das Universum und den ganzen Rest“ (Douglas Adams).

Runner’s High tritt nicht ein, wenn wir heulend im Bett liegen und uns selbst bemitleiden, nicht mal wenn wir dabei drei Rosenquarz-Hinkelsteine auf der Stirn balancieren und trotzdem noch lächeln. Runner’s High tritt nicht ein, wenn wir zum einhundertachten Mal die Bhagavad Gita studieren, uns hübsche Mala-Ketten um den Hals hängen, den Körper athletisch auf der Yogamatte verbiegen oder sonst irgendeine Abkürzung zum Glück suchen, die sich bei anderen bewährt hat, so doch dann bitte auch bei uns. Runner’s High tritt nicht ein, wenn wir uns nur vermeintlich bewegen, tatsächlich aber in unseren Mustern und Ängsten verharren und maximal aus unserer Starre heraus einen Wunsch ins Universum schicken, in der Hoffnung, das Leben würde Stillstand mit Fülle belohnen.

Runner’s High tritt ein, wenn wir volle Kanne drauf loslaufen, losleben, loslieben.

Wenn wir die Prüfungen des Lebens annehmen, das uns immer wieder eine Hürde schenken wird, Verlust, Krankheit, Schmerz, Enttäuschung. Genau dann mach dich bereit zum Sprung. Erinnere dich an deine Größe, dein Licht, deine Stärke. Genau dann erinnere dich daran, dass das Leben es gut mit dir meint. Weil jede Hürde dich abheben lässt, dich für einen kurzen Moment dem Himmel und den Sternen ein Stück näher bringt, bevor du wieder zurück auf diese wundervolle Welt fällst, deine Füße den Boden der Tatsachen berühren und du, vielleicht oder vielleicht auch nicht, eine Blume oder einen Rosenquarz am Wegesrand findest.

Lauf los. Jetzt.

 


 

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Yoga und Reisen – Reisen und Yoga, das ist Katrins Lebensglück. Anfang 2015 wurde dann nicht nur der Wunsch größer, beidem mehr Raum zu geben, sondern auch die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“. Also zog sie los, mit minimalem Gepäck, Reise-Yogamatte und offenem Herzen auf der Suche nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens und mit dem Wunsch, die Wurzeln des Yoga zu entdecken. Erleuchtung hat sich zwar nicht eingestellt, dafür hat Katrin aber die Erkenntnis gewonnen, dass man große Abenteuer nicht nur in weiter Ferne erleben kann und Spiritualität an der Supermarktkasse genauso möglich ist wie am Fuße des Himalaya. Als Yogalehrerin und Körpertherapeutin in Hamburg teilt sie nun die Erfahrungen dieser Yoga-Weltreise mit ihren Schülern – und das natürlich besonders gern im Rahmen ihrer Yoga Retreats in Deutschland, Spanien und Portugal. In Ihrem Blog New Moon Yoga schreibt sie über das Leben, die Freiheit und das Spannungsfeld zwischen Wunsch und Realität … und natürlich über Yoga und Reisen.


'Diagnose Brustkrebs. Oder: Vom Leben, der Hoffnung und dem Laufen' have 3 comments

  1. 8. November 2017 @ 11:21 Angela

    Ich habe im August die gleiche Diagnose erhalten. Katrin, deine Texte beschreiben auf schmerzhafte aber auch so wunderbare Weise, was man in dieser Zeit durchlebt, und sie zaubern mir neben einer Träne immer auch ein Lächeln ins Gesicht. Danke und alles erdenklich Gute!

  2. 9. November 2017 @ 00:16 Sandra

    Liebe Katrin,

    ich bin sehr berührt von deinen Worten …. Als mich im April 2017 die gleiche Diagnose überrollt hat, war mir Yoga eine feste Stütze in meinem wackligen Leben. Es musste jedoch zu „meinem“ Yoga werden. Ich brauchte mehr Rituale, noch mehr Innenschau, mehr Vertrauen in mich auf der Matte … Um dieses Vertrauen dann wirklich in mich integrieren zu können. Und irgendwie, weiß der T*** wie, eine Haltung zu finden, zu einer Diagnose, die man hat, aber nicht will.

    Heute – mehr als 7 Monate später – kann ich sagen, ich habe diese Diagnose gebraucht. Die Erkenntnisse, die in mir schlummerten, waren und sind beängstigend klar. Ich bin dankbar für diese große Klarheit und Zuversicht, die in mein Leben Einzug gehalten haben. Dennoch: Ich wünschte, das Leben hätte sich einen anderen Weg gesucht, um mich wachsen zu lassen. Einen, der weniger Angst macht. Einen, der mir weniger Prüfung auferlegt. Einen, der nicht „chronisch“ ist und immer wiederkommen kann.

    Aber aussuchen ist nicht – wir dürfen das annehmen, was wir bekommen haben.. Und da ich weiß, wie schwierig das ist (und auch ich habe immer wieder und immer noch meine „Momente“, denn die Seele hat ihr eigenes Tempo), wünsche ich dir von Herzen nur das Allerbeste für deinen eigenen Weg. Ich möchte dir mitgeben, dass du auf dich hören solltest. Krebs erzeugt seltsame Reaktionen und nicht alle davon sind nützlich für dich. Vertraue von Anfang an, soweit du kannst, auf dich und auf deine Intuition. Es gibt nicht DIE Wahrheit über diese Diagnose. Es gibt nur DEINE Wahrheit.

    Ich wünsche dir, dass du deine Wahrheit schnell findest! Bei der Suche nach meiner persönlichen Wahrheit hat mir übrigens das Schreiben sehr geholfen. Ich habe es öffentlich getan, aber tägliches „Tagebuch“ täte es auch … Als Tipp ;-)

    Falls du dich austauschen willst oder mal einen Impuls brauchst, melde dich gerne <3

    Alles Liebe
    Sandra

  3. 12. November 2017 @ 21:29 Marion

    Der Aufschlag in der Realität war hart, als ich 2009, einige Tage vor meinem 30. Geburtstag die selbe Diagnose erhielt. Ich habe damals die tiefsten Täler der Tränen kennen gelernt und ein knappes Jahr später, nach all den Therapien, auf den steilen Wegen bergauf, viel Kraft und Stärke für das weitere Leben gewonnen. So gerne würde ich dir ein Stück davon abgeben <3.


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