Meditieren mit Kindern

Pssst, Mutti sitzt auf der Matte und meditiert!

Das Meditation wunderbar ist und uns zu einem guten, ausgeglichenen Sein hilft, weiß mittlerweile jeder auch nur halbwegs motivierte Yogapraktizierende. Versteht sich also von selber, dass ich vor Jahren als rundbäuchige Schwangere und begeisterte Yogini voller Euphorie von einer täglichen Meditationspraxis mit Baby träumte. Als Schwangere ging das nämlich relativ gut. Solange es überfallsähnliche Hungerattacken und im Bauch turnendes Baby zuließen, saß ich mehrmals täglich ein paar Minuten in Stille, atmete und hielt mir mit einer Hand den Bauch.

Die entspannteste Mutti aller Zeiten

Es war völlig klar: Ich war kurz vor der oft beschworenen Erleuchtung und war mir zudem sicher, dass bei diesem (dritten) Kind nun alles anders werden würde. Als junge Mutter würde ich entspannt sein, relaxt, in meiner Mitte, nicht zu verunsichern und überhaupt würde mir kein nächtlicher Schreianfall mehr den Nerv rauben. In meiner Phantasie war ich erhaben, denn immerhin hatte ich DAS Mittel für Entspannung und Wohlbefinden entdeckt: Die Meditation.

Mehr graue Substanz braucht das Hirn

Meditation wirkt in unserem Kopf ja tatsächlich Wunder. Mittlerweile belegen zig hochwissenschaftliche Studien der namenhaftesten Universitäten die schon seit 2000 Jahren bekannte, beruhigende Wirkung der Meditation. So wurde beispielsweise belegt, dass eine regelmäßige Meditationspraxis zu einer Zunahme der sogenannten „Grauen Substanz“ in unserem Frontallappen führt. Ganz genau erforscht ist diese Substanz noch nicht, allerdings wird sie in Verbindung gebracht mit erhöhter Konzentrationsfähigkeit, klarerem Fokus und höherer Stressresilienz.

Regelmäßig Meditierende haben eine geringere Neigung zu Depressionen, fühlen eine höhere Zufriedenheit, Angstzustände nehmen ab und auch Töne können besser wahrgenommen werden, um nur ein paar der Ergebnisse zu zitieren. Es lohnt sich also, Mutti hin oder her, zwischendurch mal still zu sitzen, dem Atem zu lauschen und die Gedanken zur Ruhe zu bringen.

Vom Alltag einer meditierenden Mutti

Als Mutter eines weiteren, süßen Babys wurde ich allerdings schnell zurück in die Wirklichkeit katapultiert. Mein Sohn, sonst ein echt entspanntes Kind, hatte irgendwie keine Lust mir beim stillen Sitzen zuzuschauen. Sobald ich es mir aufrecht auf meinem schicken Kissen bequem machte, begann er Aufmerksamkeit einzufordern. Ich saß da, atmete und hörte ihn gurren und grunzen und konnte einfach nicht weiter machen. Später war ich sogar irritiert, wenn er sich mal nicht meldete. Es war wie verhext!

Verkehrte Welt

Auch der Plan zu meditieren, wenn das Kind seelig schlummernd im Bettchen lag, wurde zunichte gemacht. Mein drittes Kind ist bis heute ein echtes Kuschelkind und ich, damals schon Mitte 30 (Achtung, ich schiebe es aufs Alter!), war nicht mehr in der Lage, mich gegen diese Kuscheloffensive zur Wehr zu setzen. Ich lag also immer neben ihm und schlummerte meist ebenso seelig. Als ziemlich ausgeschlafene Mutter hatte ich dann auch ein ordentlich schlechtes Gewissen.

Selbst die kleinen Momente der Disziplin, in denen es mir gelang wach zu bleiben, konnte ich nicht mit ganzem Herzen meiner neuen Routine frönen, denn irgendwie sah es in der Wohnung nicht so aus, wie ich mir das wünschte. Und so nutze ich die Pausen, um zu wischen und zu räumen, statt zu sitzen und zu atmen. Mit dem Effekt, dass unsere Wohnung schick aufgeräumt war, mein Kopf allerdings weniger. Es war, wie gesagt, verhext.

Finally: der Durchbruch

Irgendwann hatte ich keinen Lust mehr auf schlechtes Gewissen und Meditationsratgeber (für die Wickeltasche). Fast wollte ich schon aufgeben, aber da dachte ich mir: Was für ein Quatsch! Es gibt zig Momente am Tag, in denen ich als Mami meditieren könnte. Allerdings nicht auf einem Kissen sitzend, sondern im Alltag mit Baby! Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass ich es mir die ganze Zeit so schwer gemacht hatte, dabei lag das Gute so nah. Und: Ich hatte bereits einige Male meditiert, ohne es so genannt zu haben. Mein inneres Etikette für Meditation beinhaltete das besagte Kissen, ein Mudra oder Mala und andere, wunderbare Hilfsmittel. Mein Leben hatte sich jedoch gewandelt, es war Zeit wie eine echte Mutti zu meditieren!

Wie Mamis meditieren

Wenn du selber Mami bist, dann weißt du jetzt gleich mit Sicherheit wovon ich spreche. Wenn nicht: Probier es aus! Und auch für alle Nichtmütter da draußen: Wenn ihr zu gestresst seid, es zu unruhig in eurem Leben ist, so dass die 10 – 20 Minuten entspannt auf der Matte nicht möglich sind, vielleicht ist hier etwas für euch dabei. Ihr könnt mit Sicherheit alle Meditationsideen in euren Alltag übertragen.

Meditation im (Mami-)Alltag:

  • Verlass die Schublade: Bei mir hat es anfangs nicht geklappt, weil meine Definition von Meditation zu eng war. Doch was ist Meditation? Ein Zustand der Entspannung, des Einsseins von Körper und Geist, ein Moment, an dem unser Kopf schweigt. Das kann auf einem Kissen sein oder unter einem Baum, oder auf dem Kinderzimmerteppich oder der Krabbeldecke. Lös dich von allem, was du zu brauchen glaubst. Meditation nach Patanjali ist ein Zustand, keine Übung.
  • Die „Kuschel-Meditation“: Diese Meditation geht mit kuscheligen Kindern (oder Partnern) hervorragend. Mein Sohn liebte es lange, an mich gekuschelt einzuschlafen. Ich habe mich irgendwann ein wenig aufgesetzt – nicht kerzengerade (ein paar Kompromisse müssen sein) sondern so, dass ich nicht sofort miteindösen konnte. Und dann habe ich seinem Atem gelauscht, seine kleine Hand gehalten und die Augen geschlossen, mich auf mein Herz konzentriert und habe versucht die Leere im Kopf und die Liebe im Herzen auszuhalten. Herrlich ist das. Diese Meditation eignet sich, um Kinder in den Schlaf zu kuscheln oder mehr Nähe in die Partnerschaft zu bekommen. Geht für Schlafresistente (und wenn?) auch im Liegen oder sogar händchenhaltend vor dem Kinderbett. Die Kuschel-Meditation ist mein Favorit, sie ist wunderbar.
  • Die „Bewegungs- Meditation“: Du kannst das bei Hundehaltern und Eltern beobachten: Ein Stöckchen, Bällchen, ein Löffel oder Stofftier fliegt und Hund oder Elternteil bücken sich und heben es auf. Meine Kinder wurden alle drei nicht müde irgendwelche Sachen runter zu werfen und mir dabei erstaunt und erfreut zuzusehen, wie gut ich sie aufheben konnte. Da sie dabei immer gute Laune hatten, habe ich das Spielchen mitgespielt. Bei Kind 3 jedoch war ich noch schlauer! Ich habe das Spiel verbunden mit meiner Atmung und einem bewussten Bewegungsablauf. Erst unbewusst, später bewusst habe ich eingeatmet und geschaut, ausgeatmet und mich gebückt, eingeatmet und angegeben und so weiter und so fort. Warum sollten nur die Osho-inspirierten, „echten“ Bewegungsmeditaionen funktionieren? Bei mir hat das Wirf-und-heb-auf- Spiel für einen ziemlich leeren und entspannten Geist gesorgt. Man muss es nur anders sehen.
  • Die „Im Alltag gibt es mehr-Meditation“: Bei meinem ersten Kind war ich ziemlich ernüchtert, wie sehr ich plötzlich in der Hausfrauenrolle gefangen zu sein schien. Und auch heute noch ist unsere Arbeitsverteilung nicht unbedingt emanzipiert, wenn ich ganz ehrlich zu mir bin. Mich Woche um Woche über Bügelwäsche oder Einkaufstüten zu ärgern, schien allerdings auch nicht ganz korrekt, daher habe ich überlegt, was ich tun kann. Heute nutze ich vermeintlich nervige Hausarbeit für inspirierende Bildungsprogramme und höre wilde Podcasts wie „Rising Woman Leaders“ von der bezaubernden Meredith Rome. Das ging allerdings mit kleinem, lautstarken Baby nur begrenzt, daher habe ich später angefangen Mantren zu rezitieren. Und nein, ich muss euch enttäuschen, es ging um nicht wilde, seitenlange Sanksrittexte, sondern ich habe kleine Dinge eingebaut, wie ein wiederkehrendes „So´ham“ (So beim Einatmen, Ham beim Ausatmen). Dieses Mantra ist einfach und hat mich monatelang begleitet, denn es hat eine wunderbare Bedeutung: Das Mantra erinnert uns daran, dass wir mehr sind als dieser Körper und diese Gedanken. Wir sind mehr als die Haushälterin und mehr als die Mutti oder Karrierefrau. Wir sind eine unsterbliche Seele, wir sind Eins mit Allem. Ein wunderbares Mantra, was sich hervorragend bei allen Tätigkeiten innerlich rezitieren lässt. Es hat mich beruhigt und mich daran erinnert, dass ich mehr bin als dieser Moment. Besonders als Mutti tut das manchmal ganz schön gut.
  • Die „Alles-ist-rosa-Meditation“: Zu guter Letzt eine Meditation, die ich heute erst nutze, aber die mit Baby garantiert auch fabelhaft ist. Ich nenne sie spaßeshalber die „Alles-ist-rosa- Meditation“, da dabei genau dieses Gefühl in mir hochsteigt. Sie ist so simpel wie wundervoll: Dehne einfach jeden schönen Moment noch einen weiteren Moment lang aus. Der Tee am Morgen, das Lächeln deines zahnlosen Babys, der erste Biss eines leckeren Essens, die Sonne im Gesicht. Wenn wir achtsam sind, haben wir eine solche Menge schöner, kleiner Momente zur Verfügung. Die Gedanken dann direkt kurz anzuhalten, innezuhalten und die Magie zu spüren – auch das ist Meditation. Eine, die ganz schön glücklich macht, kann ich sagen.

Wie es heute ist

Heute ist mein Sohn übrigens älter (7) und versteht es daher mittlerweile, dass ich manchmal still sitze. Es fällt ihm nicht leicht, aber er schafft es auszuhalten und ich kann tatsächlich jeden Morgen entspannt auf meinem Kissen atmen und „richtig“ meditieren. Und wenn es doch mal jemand in meiner Familie nicht aushält, dann weiß ich, dass ich andere Möglichkeiten habe. Ich muss nur offen dafür sein.

Wer von euch noch ein wenig mehr über die innere Ruhe und das Anhalten des inneren Gedankenkarussells lesen will, dem empfehle ich das Buch „Ruhe da oben!: Der Weg zu einem gelassenen Geist“. Wunderbar undogmatisch und klar erklärt Andreas Knuf, wie wir zurück in den Moment finden und die Magie im einfachen, schönen Sein entdecken. Für alle, die noch mehr Meditation und Magie im Alltag suchen eine echte Bereicherung.

Also, dir viel Spaß mit den kleinen Pausen im Alltag. Ob du Mutti bist oder nicht, es tut gut, einen Moment lang nicht zu denken. Es ist Seelenhygiene und so wichtig in unserer hektischen Zeit. Gönn dir diese kleinen Momente, sei kreativ und entspannt dich. Ich wünsch dir viel Spaß dabei!

Foto via Glücksplanet

Glücksplanet_Logos_ganzklein


 

Wenn du bisher noch nicht so viel Erfahrung mit Meditation gesammelt hast, dann schau doch mal in unseren Beginners Guide. Eine ganz besonders schöne Meditation ist Kirtan Kriya, die solltest du unbedingt einmal ausprobieren. Und wenn die Zeit doch mal nicht reichen sollte, dann haben wir hier noch die Anleitung zur Gehmeditation für dich :-)


Silja ist Mama von drei Söhnen, von Beruf Trainerin, Coach und Yogalehrerin. Sie liebt Psychologie, Yoga, grünes Essen und alles, was das Leben schöner, leichter, fröhlicher macht. Du kannst sie u.a. in Workshops zum Thema „Yoga & Psychologie“ erleben und auf ihrer Seite  www.glücksplanet.de mehr von ihr lesen. 


'Pssst, Mutti sitzt auf der Matte und meditiert!' have 2 comments

  1. 19. Februar 2016 @ 01:31 Victoria

    Ich finde es sehr wichtig, dass ich mir täglich meine Zeit für meditieren nehme. Es hilft mir sehr im Alltag und vor allen bei unseren kleinen Kids den Kopf frei zubekommen :) viele grüße, vicky

  2. 23. Februar 2016 @ 23:54 Silja

    Hallo Vicky
    Ja!! Du hast so recht. Wichtig dass wir uns Zeit nehmen. Liebe Grüße
    Silja


Would you like to share your thoughts?

Your email address will not be published.

© Dein Blog für Yoga, Ayurveda, Ernährung, Lifestyle & Wellness.