Retreat – warum ein Rückzug auf Zeit pure Selbstliebe ist

Die meisten Menschen, mit denen ich so spreche, antworten auf die Frage nach ihrem Befinden sowas wie: „Puh, ja, gut/ganz gut/geht so/naja – ist einfach viel los gerade.“ Dazu machen sie ein mehr oder weniger fröhliches Gesicht, in dem sich gleichzeitig Spuren eines schlechten Gewissens, von Müdigkeit, manchmal Resignation und oft Ratlosigkeit zeigen.

In unser aller Leben scheint mehr oder weniger permanent „viel los“ zu sein

Und zwar so viel, dass es mindestens als Belastung, oft auch als Überlastung empfunden wird. Wir sind von morgens bis abends damit beschäftigt, Anforderungen im Außen zu bedienen: Wir sorgen dafür, dass es unseren Kindern gut geht, schmeißen einen Haushalt, gehen einem oder mehreren Jobs nach, haben mit Behörden, Versicherungen, Wehwehchen und manchmal auch ernsten Erkrankungen zu tun und, ach ja, führen vielleicht sogar noch eine Partnerschaft und pflegen Freundschaften. Wir haben Hobbys, Haustiere, Interessen, Reiseziele und Listen für „ToDos“, „Places to see before I die“ und Bücher, die unbedingt noch gelesen werden wollen. Und wir haben Smartphones und Social-Media-Accounts.

Selbst wenn all diese Feuer, die wir da am Laufen halten, friedlich brennen, kann einem schon mal schwindelig werden bei der Vielschichtigkeit und Komplexität unserer eigentlich doch so kleinen Leben.

Was vielen Menschen in unseren (westlichen) Gesellschaften fehlt sind Pausen

Zeiten, in denen wir uns bewusst zurückziehen um ganz und gar für und mit uns alleine zu sein, in denen wir Telefone und Klingeln ausschalten, Computer herunterfahren, unsere Sinne zur Ruhe kommen lassen.

Wozu stopfen wir unsere Tage bis in die Nacht hinein so mit Aktivitäten voll? Antworten darauf gibt es viele. Vielleicht weil uns beigebracht wurde, dass wir nur dann erfolgreich sind, wenn wir möglichst viel und hart arbeiten. Vielleicht weil wir zu den Menschen gehören, die sich für alles und jeden verantwortlich fühlen und stets bereit sind, noch ein Päckchen, noch eine Aufgabe, noch ein Problem mehr auf ihre Schultern zu laden. Vielleicht weil wir glauben, nur dann wertvoll oder daseinsberechtigt zu sein, wenn wir etwas TUN. Vielleicht haben wir aber auch einfach Angst vor der Stille, vor dem was sich möglicherweise zeigt, wenn wir uns nicht mehr ablenken.

Mein erstes „Retreat“ liegt mittlerweile über 16 Jahre zurück

Nachdem ich mich in einer Internetagentur an den Rande des Burnouts gearbeitet hatte nahm ich mir Ende Dezember 2000 vier Wochen frei und flog nach Indien. Kovalam Beach, ein Monat lang Ashtanga Yoga mit Lino Miele. Weiter hätte ich mich aus meiner Komfortzone kaum heraus trauen können. Das Universum fand aber wohl, dass das noch nicht langte und ließ mein Gepäck verschwinden, so dass ich schließlich am Flughafen von Trivandrum stand mit nichts außer meinem Handgepäck (Kamera, Geld, Kulturtasche, denn die hatte nicht mehr in den Rucksack gepasst, der übrigens nie wieder auftauchte) und meiner Yogamatte. Das sollte nicht die letzte Herausforderung dieser Reise sein.

Im Nachhinein wurde mir klar, dass ich diese Grenzerfahrung brauchte, um in Kontakt mit meiner Intuition zu kommen.

Um die Erfahrung zu machen, dass gut für mich gesorgt ist, egal wo ich bin, und um endlich der Stimme in mir Gehör zu schenken, die sich jahrelang als ein diffuses Unwohlsein, ein Gefühl von Unruhe, nicht-am-richtigen-Ort-, nicht-angekommen-, nicht-richtig-Sein bemerkbar gemacht hatte. Nach zwei Wochen intensiver Yogapraxis, unfassbar öligen ayurvedischen Massagen, wunderschönen Sonnenuntergängen und nicht zuletzt der Konfrontation mit der zum Teil brutalen Realität des indischen Alltags war mir mit einem Mal klar: Werbung, Internet, Agenturleben ist nicht meins und interessiert mich kein bisschen.

Eine tiefgreifende Veränderung stand an

Indien und Yoga, die Reise in eine andere Kultur, in der andere Werte und ein anderer Rhythmus herrschten, der Abstand zu meinem Berliner Leben hatten es mir ermöglicht, zum ersten mal überhaupt bei mir anzukommen. Und fortan meiner inneren Stimme zu folgen: am Tag meiner Rückkehr in die Agentur legte ich meine Kündigung vor.

Diese innere Stimme führte mich 2002 nach Australien, wo ich die zweite Retreat-Erfahrung meines Lebens machte, ein zehntätiges Vipassana Schweigeretreat an der Ostküste in der Nähe von Byron Bay. Mein Mitbewohner, der mich damals mit seiner disziplinierten Meditationspraxis (morgens und abends jeweils eine Stunde) beeindruckte, lud mich ein mitzukommen.

Hätte ich vorher gewusst was auf mich zukommen würde, dann hätte ich wohl gekniffen

Ich hätte es wahrscheinlich vorgezogen, in unserem schönen Shared House in Byron Bay zu bleiben, ganz entspannt Yoga zu praktizieren und das Strand- und Hippie-Leben zu genießen. Stattdessen verbrachte ich die gefühlt längsten zehn Tage meines Lebens in einem Jugendzentrum der anglikanischen Kirche am Rande einer australischen Kleinstadt, unter den heißesten und trockensten Wüstenwinden seit Jahren, täglich 8 Stunden auf einem Meditationskissen und kämpfte mit Rückenschmerzen, Heimweh, Einsamkeit, Müdigkeit, Hitze, Hunger, Ungeduld und meinen inneren Kritikern, die mir von morgens bis abends erzählten, dass ich niemals, unter keinen Umständen auch nur in die Nähe eines meditativen Zustandes kommen würde.

Und obwohl diese 10 Tage zu den herausforderndsten meines Lebens zählen, saß ich ein halbes Jahr später mein nächstes 10-Tage Retreat im Schweigen ab. Diesmal immerhin in einem wunderschönen buddhistischen Meditationszentrum im subtropischen Queensland, inmitten eines großen Gartens, in dem sich auch eine Känguru-Familie Zuhause fühlte.

Eine Zeit, die viele Erkenntnisse brachte

Die erste Übung bestand darin, meine hoffnungsvolle Erwartung, dass es dieses Mal mit der Meditation besser klappen würde, loszulassen. Die zweite darin, mich in Gelassenheit zu üben angesichts der Tatsache, dass Madonna ganze drei Tage lang in Dauerschleife „Like a virgin“ durch meinen Geist tanzte und etliche Folgen einer amerikanischen Sitcom – Seinfeld, um genau zu sein – vor meinem inneren Auge vorbei zogen. Ich fuhr nach Hause mit dem Entschluss, nie wieder einen Fernseher zu besitzen. Mit der Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn unendlich kreativ und ein wahres Wunder ist, und dass in meinem jede Menge Datenmüll abgespeichert war. Und mit der Feststellung, dass mir zwei Mahlzeiten am Tag morgens um 8 und mittags um 12 Uhr beim besten Willen nicht reichen, um mich zu konzentrieren.

Seither habe ich zwar keine zehn Tage mehr am Stück, aber viele lange Wochenenden in verschiedenen Gruppen, Seminarhäusern und Retreatzentren verbracht, meditierend, Yoga und Achtsamkeit praktizierend, singend, lachend, weinend, schweigend, zuerst als Teilnehmerin, seit einigen Jahren auch als Assistentin und Co-Leitung. Jedes dieser Retreats hat mich in einen tieferen Kontakt mit mir selbst gebracht. Ich sammelte dort Erkenntnisse, traf wichtige Entscheidungen, löste mich von Glaubenssätzen und Vorstellungen, begegnete meinen Schatten und meinem Licht, spürte tiefe Verbundenheit, tiefen Schmerz, und immer wieder auch tiefe Dankbarkeit und Glückseligkeit.

Die Zeit für und mit uns selbst, die ein Retreat darstellt, ist kostbar

Und – davon bin ich inzwischen überzeugt – unverzichtbar für unsere geistige, seelische und körperliche Gesundheit. Hier können wir den inneren und äußeren Freiraum finden, der uns im Alltag oft abhanden kommt. Hier gewinnen wir den nötigen Abstand, um unser Leben frisch und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und zu prüfen, was davon noch stimmig ist und was nicht. Hier haben wir die Ruhe, neue Samen zu sähen und heilsame Methoden und Einstellungen zu kultivieren. Hier können wir, gehalten von einer Gruppe, uns schwierigen Fragen und Themen stellen und über uns hinaus wachsen. Hier können wir die Stille finden, die wir brauchen, um das leise Flüstern unseres Herzens zu hören und unserer tiefsten Sehnsucht nachzuspüren. Hier können wir Kraft und Mut schöpfen und uns regenerieren, indem wir in uns selbst zu Hause ankommen.

Lust auf Rückzug bekommen?

Eva gibt vom 8. – 15. Juli ein Body & Mind-Heart & Soul-Retreat im Jolly Château in Frankreich. Eine Woche mit Yoga, Meditation, Achtsamkeit, Schweigen und Chanten in der Nähe vom Atlantik. Weitere Informationen findest Du dazu unter www.heil-bewusst-sein.com

 

 

Fotocredit: Sina Niemeyer


About

Eva Kamm ist Yogalehrerin, Heilpraktikerin und Shiatsu Therapeutin in Hamburg. Die Verbindung von Körper- und Energiearbeit sowie die Mind-Body-Medizin begeistern sie ebenso wie Mantra Chanten und Harmonium spielen. Seit 20 Jahren sind Yoga und energetisches Heilen Leitsterne auf ihrem Weg zu Heilung, Integrität und ihrer Berufung.


'Retreat – warum ein Rückzug auf Zeit pure Selbstliebe ist' has 1 comment

  1. 23. Juni 2017 @ 11:39 Alicia

    Vielen Dank, dass Du Deine Erfahrungen mit uns teilst! Ich habe meine Yogalehrer Ausbildung auch in einem Ashram gemacht und durfte auch schnell feststellen, wie wunderbar heilend es ist, mal vom Rest der Welt und besonders dem Internet abgeschottet zu sein. Man kommt so unglaublich bei sich selbst an und bekommt einen ruhigen Geist. Normalerweise bin ich jemand der oft viel zu viel an die Zukunft denkt und sich den Kopf zerbricht aber die Zeit dort, war magisch. Mein Geist war plötzlich einfach still und komplett im Hier und Jetzt. Das war purer Wahnsinn :) !


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