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Wie meine Disziplin und mein Schweinehund sich lieben lernten

Du hast Probleme, deine Yoga-Routine aufrechtzuerhalten? Das ganze Geheimnis liegt in meinen Augen darin, die Zahnputz-Effekt-Linie zu überschreiten. Hinter der ist alles leicht. Natürlich verliebt man sich ins Yoga; natürlich ist es VIEL schöner als Zähneputzen – dennoch vernachlässigt es sich zunächst auch leichter. Wenn ich mir aber dessen bewusst geworden bin, wie klebrig ich mich ohne meine spirituell-körperlich-dharmische Disziplin fühle (nämlich etwa so wie mit ungeputzten Zähnen), dann motiviert es sich ganz von selbst.

Die richtige Selbstwahrnehmung ist gefragt!

Ich spüre und genieße es, wie strahlend das Yoga mich macht; wie aufrecht, stark, wie präsent. Ich bade in dem Gefühl. Ich weiß, dass der einfachste und freudigste Weg zum Wohlfühlen meine Yogapraxis ist. Mein inneres Kind liebt das Körpergefühl, die Streckungen, das Mantra-Singen, so wie es etwas Süßes mag, das Prashad, den Nektar. Da ich bequem bin und weiß, dass andere Methoden schwieriger sind, werde ich diesen Weg wählen. Ganz leicht soweit. Aber Vorsicht, es gibt Fallen:

Falle Nr. 1: vermeintlich schneller glücklich machende Verlockungen wie Schokolade, Cocktails oder Fernsehabend statt Yoga.
Nichts gegen einen kleinen Ausflug in die Welt außerhalb des Yoga und nichts gegen ein bisschen einfachen Spaß. Ausbrecher können die gute Praxis bestätigen, man wird dann nicht verbissen, sondern bleibt in seinem guten Weg. Aber: Als tägliche Praxis taugen diese Verlockungen natürlich nicht.

Lasse alte Gewohnheiten hinter Dir

Wenn alte Gewohnheiten ihre Sogwirkung entfalten, dann können sie böse Fallen sein. Du weißt ja: aus unseren Gewohnheiten entwickelt sich unsere Persönlichkeit und daraus unser Schicksal. Also nutze in diesem Fall das passende Gegengift:

Antidot 1:
Einen schädlichen Glücklichmacher erkennst Du daran wie er sich anfühlt, wenn Du dabei Dein meditatives Körperbewusstsein anknipst. Achte auf alle Signale Deines Körpers: Wie fühlt sich in dem Moment Dein Bauch an? Was macht der Atem? Was sagt Dir Dein Herz? Welche Rückmeldungen bekommst Du ganz ehrlich auf das, was Du gerade tust?

Meist ist mit den kleinen Fallen nämlich nur der Geist einverstanden, und selbst von ihm nur ein kleiner Teil … und dann fühlst Du Dich plötzlich glücklicher wenn Du Dir stattdessen versprichst, auf Deine Yogamatte zu gehen.

Erkenne, wer Du bist und welcher der richtige Weg für Dich ist

Falle Nr. 2: zu hoher Anspruch an Dich selbst.
Stimmt schon. Für manche ist der steinige Weg der Beste. Frag dich: Was ist das Optimum, wozu dient dieses Optimum und bin ich der Typ dazu?

Im Kundalini Yoga könnte dies so aussehen:

Stehe um 4 Uhr früh auf, mache einige aufwärmende Übungen, reibe dich mit Öl ein und dusche kalt am ganzen Körper außer an den Oberschenkeln. Massiere dich zwischen drin und bewege Dich weiter und dann wieder mit kaltem Wasser abduschen. Dann zieh dir etwas Weißes an, setz dich auf deine Yogamatte (am besten in Gemeinschaft und bis hierhin schweigend) und lies das Japji, den inspirierenden Text des ersten Gurus der Sikhs. Jetzt praktiziere etwa 50 Minuten intensiv und dynamisch Yoga und entspanne danach für 10 Minuten. Anschließend singe eine Stunde lang Mantren. Dann ist es 7:30 Uhr und du beginnst deinen Arbeitstag. Dieses Programm ist für Menschen gedacht, die voll im Leben stehen.

Ohne Zweifel ist dies das Optimum. Du bist gereinigt, körperlich wie geistig, energetisiert und inspiriert für den ganzen Tag. Wenn Du Dein Leben in einem Zustand völliger Präsenz führen möchtest, ein leuchtendes Vorbild für die Welt sein willst und wenn Du in diesem Leben zur Erleuchtung kommen möchtest, dann ist das nicht zu toppen.

Aber: Entspricht Dir das?

Wirst Du das durchhalten – oder wird schon allein der Anspruch ein toller Yogi zu sein Dich in ein Yoga-Erschöpfungssyndrom führen, so dass Du gar nichts mehr machen magst?

Manche Menschen sind als Lärchen geboren. Die ambrosischen Stunden des Morgens sind natürlicherweise die schönsten ihrer Lebenszeit. Und manche lieben eben Disziplin. Yogi Bhajan erzählte von sich, er stamme aus einer reichen Maharaja-Familie, immer sei alles für ihn getan worden und er hätte die besten Voraussetzungen gehabt, sich zu einem „völligen Arschloch“ zu entwickeln, hätte man ihn nicht als Kind zu diesem super toughen Yogameister geschickt. Ist das bei Dir auch so? Ist für Dich zurzeit Disziplin heilend? Dann hau rein und mache das volle Programm.

Und es ist natürlich ganz richtig: Yogi ist jemand, der Yoga ernsthaft praktiziert – darüber zu lesen oder sich vorzustellen man würde ab morgen praktizieren nützt gar nichts. Die Praxis trägt und bildet Identität. Das gilt für alle Formen von Yogapraxis, ob hardcore oder soft. Es gibt nichts Gutes außer man tut es.

Wähle Deinen eigenen, individuellen Rhythmus

Gehörst Du zu denjenigen, die Güte mit sich selbst lernen müssen um zur Befreiung zu kommen? Bist Du voll berufstätig, versorgst fünf Kinder und bist nebenbei für pflegebedürftige Angehörige verantwortlich? Dann wähle:

Antidot 2:
Mache dir bewusst, dass Du das Yoga für dich und niemanden sonst machst. Keine Yoga-Polizei guckt vorbei, wie gut Dein Sadhana, Deine spirituelle Disziplin, ist. Und: Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedankenwellen (Patanjali). Wenn der Anspruch an Dich selbst inneren Aufruhr verursacht statt geistiger Ausgeglichenheit oder wenn Deine Yogapraxis Dich nicht glücklich macht, dann stimmt was nicht. Und: Ohne Wohlbefinden keine Meditation. Wenn aber Deine Yogapraxis Dir wirklich gut tut, dann wirst Du am Ende ganz von selber mehr davon machen wollen.

Also, stelle Dir bei allem was Du einplanst die Frage: „Tut mir das wirklich gut? Und wie viel davon tut mir gut? Möchte ich das heute wieder in dem Maße machen, in dem ich es gestern gemacht habe?“. Denke auf der langen Strecke und nutze dieses Abwägen als ein Kennenlernen und Wertschätzen Deiner selbst. Dein Alltag ist kein Yogafestival, auf dem Du Dir jeden Tag aufs neue die Kante geben musst. Lernen zu differenzieren zwischen Impuls oder Event einerseits und harmonischer Lebensführung andererseits.

Bleibe realistisch und vor allem: Stress Dich nicht!

Falle Nr. 3: zu volles Leben
Das muss ich wohl nicht weiter erklären. Du möchtest morgens früh Yoga üben, hast aber gestern Abend bis spät gearbeitet und bist einfach erschöpft? Du bist Freiberufler/in und freust Dich über viele Aufträge – aber wo bleibt der Ausgleich? Wenn Deine Kinder endlich im Bett sind, dann kippst Du auch selber um? Okay, es gibt Menschen, die von ihrem 2,5 Std.-Programm in den frühen Morgenstunden derart energetisiert werden, dass der optimale Weg (s. o.) dennoch der richtige ist. Falls aber nicht …

Antidot 3: realistische Yoga-Zeiten und -Einheiten
Kundalini Yoga wurde im Westen vor allem für Menschen in der Phase unterrichtet, die wir so unpoetisch als die Rush-Hour des Lebens bezeichnen, für die Zielgruppe der „Householders“. Deshalb gibt es, als Alternative zum 2,5 Std.-Programm, eine Vielzahl so genannter „Quick Fixes“, zum Beispiel energetische Meditationsübungen, die nur neun Minuten dauern und erstaunlich viel bewirken.

Verschwende keine Energie an unnützen Tätigkeiten

Zugleich kann man sagen, dass die meisten Leben sich auch noch ein bisschen entrümpeln ließen. Vor allem von lieb gewordenen Gewohnheiten, die keine Energie bringen. Es entspannt nicht wirklich, noch schnell auf eine Horoskop-, Shopping- oder Promi-Nachrichtenseite im Internet zu klicken, wenn man eh schon stundenlang auf einen Bildschirm starrt. Kaffee macht nicht wirklich wach, sondern beendet nur den ermüdenden Kaffee-Entzug. Also, es gibt einen Haufen Pausen, die keine sind.

Beobachte Dich, wann solche Pausenzeiten bei Dir anfallen. Dann setze dir liebevoll leicht einplanbare Yoga-Rituale in deinen Alltag. Nach der Arbeit liest Du immer die Zeitung, merkst aber, dass Dich das nicht entspannt? Nutze die gleiche Zeit für eine Anti-Stress-Übungsreihe – am besten immer am selben Ort. Deine Kollegen rauchen und du möchtest eigentlich in der gleichen Zeit etwas für dich machen? Mache eine Wirbelsäulenübung wie den Kamelritt und eine 3-Minuten-Atem-Entspannung auf Deinem Bürostuhl. Dann genieße die Wirkung, spüre dich. Dein Kleinkind schläft mittags eine halbe Stunde? Lege Dich daneben und mache Yoga Nidra. Freue Dich daran, wie freudig Du danach wieder für Dich und mit dem Kind sein kannst.

Diese Zeiten halte dann für eine möglichst lange Zeit ein, denn so gewöhnt sich Dein System an seine tägliche Dosis Wohlbefinden. Es fordert sie dann ein wenn sie ausbleibt, ganz von selbst, einfach weil Du von Dir aus möchtest, dass es Dir gut geht. Viel Freude!

Bildquelle: Holstee Manifesto | Holstee.com

Weiterführende Lektüre: Lies hier das Interview mit Ada.


About

Ada Stefanie Namani * Devinderjit Kaur unterrichtet Kundalini Yoga seit 2001. Sie ist Heilpraktikerin für ganzheitliche Psychotherapie mit Praxis auf St. Pauli, Ausbilderin für Seniorenyoga, Gong-Heilungs-Trance-Ausbildung im Aufbau. Ada spielt Gongmeditationen in Gruppen, Festivals und Psychotherapie im Stil von Yogi-Bhajan-Schüler Nanak Dev Singh seit 2006. Ada Devinderjit ist außerdem Ethnologin und Mutter eines 2005 geborenen Sohnes, der Hapkido praktiziert. Mehr zu Ada: Gong und KlangAdas Homepage


'Wie meine Disziplin und mein Schweinehund sich lieben lernten' has 1 comment

  1. 21. Mai 2015 @ 11:06 Daniela

    OH .. JA .. so leicht und immerwieder versucht man sich selbst auszutricksen … das erlebe ich auch, bewusstes SEIN, um WAHR zu nehmen, Eigenehrlichkeit um sich selbst zuzugeben .. und einfach einen tiefen ATEMzug um dann doch anders zu tun .. helfen. Mir. So. GenauSo. JA

    Mit lieben Grüßen aus Tirols Bergen
    Daniela


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