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Wie unser Kind gemobbt wurde – und uns Yoga dabei half, stark zu bleiben

Ende letzten Jahres brach in unserer Familie die Hölle aus. Oder vielmehr etwas, dass sich jeglicher Kontrolle entzog und so unsichtbar wie Gift wirkte: Unsere 11-jährige Tochter wurde gemobbt.

Es begann schleichend und sehr langsam mit einem diffusen Gefühl des Unwohlseins. Unsere Tochter kam immer stiller aus der Schule. Das war neu, hatte der Wechsel mitten im Schuljahr an die Gemeinschaftsschule doch mehr als reibungslos geklappt. Doch mit dem Eintritt der Kinder in die Pubertät wurde der Ton in der Klasse rauer. Unser Kind, mit Abstand die Jüngste in der Klasse, war wohl noch etwas vom Pubertieren entfernt. Mag auch sein, dass sich das lange Fehlen des Klassenlehrers aufgrund von Krankheit negativ auf den Zusammenhalt auswirkte. Lilly blieb still, erzählte auf Nachfragen, dass ein Mädchen in der Klasse gemobbt würde – mit dem sie häufig spiele.

 

Ein ungutes Gefühl machte sich bei uns breit

 

Es dauerte nicht lange, da wurde schließlich unsere Tochter ausgeschlossen. Zuerst spielerisch, dann ganz offen. Keiner wollte sie mehr anfassen, neben ihr sitzen. Das Piepen einer neuen WhatsApp-Nachricht – zuvor in gefühltem Minutentakt gehört – es blieb ganz aus.

Für das eigene Kind ist Mobbing ein schreckliches Szenario. Doch auch die Eltern des gemobbten Kindes sehen sich mit einem Albtraum konfrontiert. Schätzungsweise jeder sechste Schüler in Deutschland wird einmal Opfer von Mobbing, so die Zahlen einer PISA-Studie von 2017. Die Dunkelziffer ist sicher um einiges höher. Denn wer will schon zugeben, ein „Opfer“ zu sein? Den Eltern und sich einzugestehen, dass man Hilfe benötigt? Scham mischt sich in die Furcht, durch „Petzen“ alles schlimmer zu machen.

 

Was taten wir? Wir rückten innerhalb der Familie sehr nahe zusammen

 

Redeten über alles, versuchten, Ängste zu nehmen, Verhaltensstrategien zu entwerfen. Glücklicherweise hatte sich Lilly uns bereits früh anvertraut. Und glücklicherweise hat sie auch einige sehr gute Freundinnen außerhalb der Schule, mit denen sie alles besprechen und sich Stärkung holen konnte. Doch auch das Reden über Mobbing ist irgendwann müßig – solange man nicht mit den Verursachern spricht. Und das hatte uns Lilly verboten. Sie wollte das „Problem“ unbedingt selbst regeln, fürchtete, sonst noch schwächer dazustehen.

Also hielten wir drei durch, so gut es ging. In dieser Zeit half es mir – neben meiner eigenen, regelmäßigen Yogapraxis – zu meditieren und Atemübungen zu praktizieren, um nicht durchzudrehen. Allein das morgendliche Ankommen auf der Matte, das Platznehmen auf meinem Meditationskissen, beruhigte mich. Sobald ich jedoch die Augen schloss, sah ich mein Mädchen in der Schule – allein und ausgegrenzt. Doch ich blieb dran, praktizierte jetzt besonders Atem-Übungen wie Nadi Shodana (die Nasenwechselatmung), um gegen die negativen Bilder in meinem Kopf, gegen diese innere Ohnmacht, anzukommen. Und – ganz wichtig – so gut es geht in der eigenen Balance zu bleiben. Durch die Beruhigung des Atems und die Konzentration auf sein Kommen und Gehen konnte ich langsam das Gedankenkarussel durchbrechen.

 

Der Glaube, dass positivere Zeiten kommen würden, half enorm

 

Auch Übungen aus dem Kundalini wie Ego Eradicator waren hilfreich, denn die Dynamik besänftigte meinen Geist. Zusätzlich übte ich mich in Visualisierungen und nutzte die besonders enge Verbindung zwischen Mutter und Tochter: In meinen Meditationen hüllte ich Lilly in helles, heilendes Licht, so dass sie wie durch einen liebevollen Licht-Kokon geschützt wurde. Die positiven Bilder taten gut. Und sie ließen mich spüren, dass es – so aussichtslos der Moment auch erschien – auch wieder positivere Zeiten geben würde.

Die Metta-Meditation der liebenden Güte half mir ebenfalls. In dieser besonderen Meditation wünscht man nicht nur seinen lieben Angehörigen, sondern auch fremden Menschen und – was am schwierigsten ist – Menschen, durch die man Verletzung erfahren hat, Güte und Mitgefühl. Mit der Metta-Meditation gelang es mir, die betreffenden Kinder, die meiner Tochter weh taten, nicht zu verteufeln. Dennoch waren die Angst und die Wut, die Ohnmacht stark und belasteten uns schwer. Es ist sehr kniffelig, in solchen herausfordernden Situationen wie Mobbing nicht innerlich hart zu werden.

 

Acro Yoga brachte Stärke und Mut zurück in die Familie

 

Lilly halfen wir – neben dem immer offenen Ohr, stundenlangen Gesprächen und schönen Familienausflügen in die Natur – auch mit angeleiteten Atemübungen und Phantasiebildern oder dem Mut-Mudra dabei, innerlich stark zu bleiben. Eine wunderbare Erfahrung in diesen schlimmen Wochen war unser erster Kontakt mit Acro-Yoga. Ich meldete Lilly und mich zu einem Workshop für Familien an und buchte bei der dänischen Lehrerin gleich eine private Session für uns beide. Die eigene Kraft zu spüren, das Gehaltenwerden, den Mut, den wir für so manche Partner-Asana aufbringen mussten – all das war unglaublich hilfreich. Und die eigene Stärke strahlte auch über die Yogamatte hinweg in den Alltag hinein. Zuhause übten wir fleißig Acro-Yoga und Lilly war wirklich tapfer und fühlte sich gekräftigt. Auch stehende Balancen wie der Doppelbaum, manchmal sogar mit Papa als Familienbaum, taten gut.

 

Wie das Mobbing gestoppt wurde?

 

Tatsächlich warteten wir darauf, dass es wieder von selbst aufhören würde. Heute weiß ich, dass das ein Fehler war. Denn ohne unser Aktivwerden löste sich nichts von selbst. Erst als Lilly eines Abends im Wohnzimmer saß und sagte, sie würde keine Luft mehr bekommen, wachten wir Eltern auf. Wir machten die Situation öffentlich, wandten uns an Eltern, Lehrer, die Schule. Und glücklicherweise wurde unser Handeln, unser Sichtbarwerden, sofort belohnt. Es gab Eltern, die uns in dieser Zeit sehr unterstützten. Auch solche, deren Kinder beteiligt gewesen waren. Die Lehrer machten Mobbing zum Unterrichtsthema und der Druck wich.

Mittlerweile hat ein neues Schuljahr begonnen, mit neuen Kindern und einer neuen Klassenstruktur. Wir können wieder frei atmen und unser Familienleben hat sich normalisiert. Es ist schön zu sehen, wie glücklich Lilly in der Schule nun ist – auch wenn ein Rest Misstrauen und Unsicherheit geblieben ist. Aber wir haben Hilfe erfahren: Hilfe von unserer Umwelt, aber auch Hilfe durch Yoga, Meditation und Achtsamkeit.

 

 

Fotocredit @Harry Schnitger für RIVA Verlag

 

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Andrea hat eine lange Karriere als MTV-Redakteurin hinter sich. Dann wurde sie schwanger und entdeckte, dass Yoga auch ganz schön „rockt“. Schon bald gesellte sich ihre Tochter Lilly mit auf die Matte und aus der Not wurde eine schöne Tugend: Kinderyoga! Über zehn Jahre später ist Andrea mit Leidenschaft als Kinderyogalehrerin und Eltern-Kind-Yogalehrerin in Berlin aktiv. Sie gibt Kurse, Weiterbildungen und – ihr absolutes Herzensprojekt - bietet ihre eigene Eltern-Kind-Yogalehrerausbildung an. Mit ihrem modern gestalteten Buch „Yoga für dich und dein Kind“ hat Andrea gezeigt, dass Yoga ein wunderbares Gefährt ist, um sich mit Kindern achtsam zu verbinden. Um ihre Erfahrung an andere Kinderyogalehrer weiterzugeben, bietet Andrea auch Unterstützung durch Coaching im Bereich Kinderyoga-Business an. Mehr zu Andrea auf ihrem Blog Kinderyogaberlin.com


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