Reisen bildet

Es begab sich zu einer Zeit, dass es auch Sommer im kalten Deutschland wurde und die Tochter und ich unsere Koffer für den wohlverdienten Urlaub auf des Teutonen Lieblingsinsel packten.

Reisen bildet, hab ich mal gehört

Selbst in die nicht-so-weite-Ferne, zu den europäischen Nachbarn, bei denen es immer schöner, wärmer und sowieso besser ist, als zu Hause. Und da das Kind nach den Sommerferien auf’s Gymnasium sollte, konnte ein bißchen mehr Information und Bildung über Europa und seine Bewohner ja nicht schaden.

Ich hatte uns ein kleines Dörfchen im Süden herausgesucht und schon bei Ankunft am Flughafen, durften wir gleich etwas über die Spanier erfahren. Denen sind dreckige Klos nämlich egal. Saubermachen überflüssig, wird ja eh gleich wieder dreckig. Ebenfalls egal ist ihnen, wie man Koffer behandelt und sie auf die Förderbänder schmeißt und wie lange das dauert. Denn wir, die Touris, haben ja Ferien, ergo Zeit ohne Ende. Am egalsten sind ihnen aber Warteschlangen in der Autovermietung. Da kann man bei zwei besetzten Arbeitsplätzen (von 6 restlichen unbesetzten – ist ja nur Hochsaison) noch mal kurz zwischendurch den Anruf vom Verlobten am Handy annehmen und mal eben das Abendessen ausdiskutieren. Mannometer, sind die entspannt! Ob das an der Wärme liegt?

Ein paar Tage später, als wir uns eingelebt hatten, fuhren wir zu einer wunderbaren felsigen, kleinen Bucht und suchten uns ein Plätzchen nah am Wasser. Ein Haufen junger Leute legte sich neben uns. Ah, Italiener!!

Die Italiener benahmen sich italienischer als Spaghetti Bolognese selbst

Sie ölten ihre Körper mit Johnsons Babyöl ein (Lichtschutzfaktor wird aber auch überbewertet), trugen enge, rote Speedos und lagen auf Ferrari Strandhandtüchern herum. Sie tranken Dosenbier in rauhen Mengen, schmissen fröhlich lachend den leeren Müll neben sich auf einen Haufen in den Sand und machten Liegestütz-Wettbewerbe. Dabei hörten sie ohrenbetäubend laut italienische Popschlager, die sie aus vollen Kehlen stimmlich unterstützten.

Ich fand es ganz unterhaltsam, die Tochter nicht. „Sind alle Italiener so?“, fragte sie. „Na, das hoffe ich doch ganz stark. Sonst könnte ich ja bald keinen Europäer vom anderen unterscheiden“, antwortete ich. „Aber vielleicht war ja auch die Pizza von heute Mittag schlecht oder der Espresso ist ihnen zu Kopf gestiegen. Außerdem sssschhhttttt, wir müssen zuhören. Hier können wir noch etwas lernen.“

Einige Tage später lockte uns ein etwas bedeckterer, aber nicht weniger heißer Tag, in das nächste Dorf zum bummeln. Tochterkind hatte nicht so richtig Lust zu bummeln, sie wollte lieber an den Pool. Diverse Versprechungen, ich würde ihr etwas kaufen, zogen auch nicht richtig.

Als Kompromiss landeten wir also in einem kleinen Café, in dem um diese Vormittagszeit nur Herren fortgeschrittenen Alters saßen, Zigarren rauchten und Kaffee und Schnapps tranken, letzteres immer doppelt, proportional zum Kaffee gesehen. Die Tochter hatte die Augen nur auf ihren Kindle gerichtet und zog am Strohhalm des frischgepressten O-Saftes. Ich rührte Eßlöffelweise Zucker in meinem Café con leche und beobachtete die Señores an den Nebentischen. Großartig.

Dem älteren, spanischen Herrn neben mir wuchsen riesige Büschel grauen Haares aus den Ohren, in denen Kraniche ohne Probleme ihre Nester hätten bauen können. Ob er wohl noch richtig hören kann damit? Meine hochphilosophischen Überlegungen wurden unsanft durch die Tochter unterbrochen. Sie wollte nun bitte endlich an den Pool, sofort.

Fantastisch in freier Wildbahn zu beobachten waren auch unsere dänischen Freunde. Unverhältnismäßig sportlich am frühen Morgen und rot angebrannt.

Eines Abends nach einem verlorenen Match Minigolf gegen die Tochter, saßen wir beim Abendessen in einem anderen Örtchen und ich hatte die Möglichkeit, Dänen aus nächster Nähe zu betrachten. Ein Ehepaar mit zwei Teenagern, einem Mädchen, einem Jungen. Das Mädchen hatte diese Art dünn gezupfte Augenbrauen, die sie permanent erstaunt blickend durch’s Leben laufen ließ.

Ich konnte wiederum meinen Blick beim Essen kaum von ihrem voluminösen rechten Oberarm wenden, auf dem sich ein melancholisch dreinblickender, weiblicher, sehr nackter und sehr großer Engel räkelte. Auf ihrem linken Schlüsselbein war ein Satz eintätowiert, den ich versuchte unauffällig zu entziffern, während ich mir weiter meine Tapas in den Mund schob. Nicht unauffällig genug für die Tochter, die mir unsanft unterm Tisch gegen mein Schienbein trat. „Mama!!“, zischte sie mir zu. „Hör auf die Dänin so anzustarren! Sofort!!“. „Ich starre gar nicht“ zischte ich zurück, “ich versuche der dänischen Sprache zu lauschen. Klingt als ob die alle eine Halskrankheit hätten. Könnte eventuell auch an den roten Würstchen liegen, die die immer essen müssen. Da gibt es nämlich nicht viel anderes zu essen. Und mieses Wetter haben die deutlich öfter als wir in Hamburg. Echt!“.

Mein Kind blickte mich an und machte einen Gesichtsausdruck, als ob ich ihr gerade eröffnet hätte, daß ich heute schon mit meiner lang und minutiös geplanten Sekte an die Öffentlichkeit gehen würde. „Also, das mit dem Wetter stimmt wirklich“ versuchte ich zu relativieren, aber sie rollte nur mit den Augen und ich wurde dazu genötigt schnell zu zahlen und schnell zu verschwinden.

Inzwischen war es Nacht geworden über der Insel und die Luft war dick und samtweich

Die Grillen brüllten, als ob sie etwas beweisen müssten und der Vollmond hing groß, orange und schwer über der Straße. Wir fuhren mit heruntergekurbelten Fenstern und offenem Dach gemächlich in unser Dorf zurück. An einem freien Küstenstückchen parkte ich den Wagen und wir blickten durch das Schiebedach hinauf in die schwarze Unendlichkeit, mit seinen unfaßbar vielen Sternen.

Die Tochter erzählte mir von ihren Lieblingsbüchern„Warrior Cats“ und dem Sternenclan. Und so wurde die Weltordnung für uns wieder hergestellt: ich hörte ihr zu und lernte. Über sie, über mich, über das was in ihrem Kopf herumging und wie sie die Welt sah. Und bemerkte mit leichtem inneren Entsetzen, wie groß sie eigentlich schon geworden war und daß man das viel öfter seinen Kindern wirklich richtig zuhören sollte. Nicht nur so nebenbei, wenn man im Alltagskrisenmanagement vertüdelt ist und eigentlich im “Hast Du…”, “Machst Du noch…”, “Warum hast Du noch nicht…”-Modus dauerschleift.

Auch merkte ich wieder, wie wundervoll ich unsere Mama-Tochter-Urlaube finde, wie toll meine Tochter und wie großartig, wundervoll und kurz das Leben doch ist.

Genau wie die Ferien.

Das Fatale am Urlaub ist ja immer, das man am Anfang ganz überwältigt ist, wie viel freie Zeit vor einem liegt, diese aber unproportional Zeitlochmäßig schnell verpufft. Und schon steht man wieder am Flughafen und wartet auf den Rückflug. Und die Toiletten sind immer noch dreckig.

Ist uns jetzt aber auch egal. Das macht glaub’ ich die Wärme auf Dauer.

 

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Julie Meyer-Christian ist Yogalehrerin, Mantrasängerin und Mama einer hervorragenden Tochter. Am liebsten arbeitet sie an verschiedenen Yogaprojekten, Workshops und Retreats mit ihr gleichgesinnten Seelen und gibt leidenschaftlich gern dynamische Vinyasa Power Yoga Classes, sowie, als Ausgleich, sanftes Yin Yoga. Ihr findet Julie und ihre Projekte hier www.peace-love-yoga.de und hier www.juliaelena.de oder schreib einfach eine Mail an Julie.  


'Reisen bildet' have 2 comments

  1. 16. Juni 2015 @ 9:47 Die absoluten Must-Haves für deine Reiseapotheke findest du hier!

    […] oder der spontane Städtetrip mit einer Freundin – Hauptsache raus und was Neues erleben. Reisen erweitert den Horizont und gibt uns plötzlich eine ganz andere Sicht auf viele Dinge im Leben. Ich bin immer wieder […]

  2. 18. März 2014 @ 9:47 gris-noir chic

    Danke Julie für diesen Post, sitze lachend vor dem Bildschirm!! Herrlich geschrieben :)


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