Du kannst aufatmen: Du musst nicht so flexibel sein, wie die Instagram Yogis.

Instagram vs. Reality: Wie flexibel muss man für Yoga wirklich sein?

Immer wieder höre ich den Satz: „Ich würde ja auch gerne mal zum Yoga kommen, aber ich bin einfach nicht flexibel genug!“. Auch wenn ich dann antworte, dass man das auch gar nicht sein muss um Yoga zu praktizieren, glauben es die meisten eben doch nicht. Man hat halt immer diese Instagram-Bilder vor Augen, in dem sich meist schlanke Frauen oder gutgebaute Männer in die verrücktesten Posen schmeißen. Total schade, denn das hält offensichtlich viele davon ab, Yoga überhaupt mal auszuprobieren.

Interessanterweise hatte ich aber auch genau diesen Eindruck, bevor ich mit Yoga anfing. Und eine ganze Zeit danach auch noch. Dass man unheimlich gelenkig sein muss, um in diese teilweise für mich unerreichbaren Posen zu kommen. Zu Beginn war ich immer ganz verunsichert und hab mich ständig mit den anderen im Raum verglichen. Selbst nach meiner ersten Yogalehrerausbildung dachte ich noch, dass man wohl alle Asanas irgendwann mal beherrschen wird, wenn man sich nur genügend dehnt und streckt. Dass das völliger Quatsch ist, wie ich inzwischen verstanden habe.

In meinem Kopf fand eine kleine Yoga-Revolution statt

Besonders in den letzten Monaten hab ich versucht, an vielen Trainings oder Workshops teilzunehmen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, bei meiner privaten Asana-Praxis und auch in meinen Unterrichtsstunden eine Art Stillstand erreicht zu haben. „The same procedure as every year“, um es mal ganz vorweihnachtlich mit den Worten von Miss Sophie auszudrücken. Und tatsächlich kann ich das jedem, der in irgendeiner Art Yoga unterrichtet, nur empfehlen. Regelmäßig zu anderen Stunden gehen, an Workshops teilnehmen, lesen und vor allem auch Dinge hinterfragen. Nicht alles einfach annehmen und übernehmen, sondern dir dein eigenes Wissen bilden.

Schnell tendiert man dazu gewisse Phrasen von anderen Lehrern zu übernehmen: „Bring das Steißbein nach unten“, „Zieh den Bauch ein“, „Press die Fersen in die Matte“. Doch viel wichtiger ist es zu hinterfragen, warum wir diese Instruktionen eigentlich geben: Was ist der anatomische Hintergrund dazu? Und wenn man erstmal die ersten Zusammenhänge versteht und seinen eigenen Körper besser kennen lernt, dann kann man auch die Körper der Schüler besser verstehen und individuelle Anleitungen und Korrekturen geben.

Wenn du nicht die Knochen dafür hast, dann wirst du bestimmte Asanas nie „meistern“ können

„Lass deine Schultern unten“ und „Die Hüfte ausbalanciert“ funktioniert eben nicht für jeden Körper. Und genauso ist es falsch zu behaupten, dass jeder irgendwann mal in Upavistha Konasana (die sitzende Vorbeuge mit geöffneten Beinen) oder den stehende Spagat (Urdhva Prasarita Eka Padasana) kommen wird. Auch wenn man sich bis zum Umfallen dehnt und streckt, Fakt ist: manche Asanas oder Variationen davon, werden für dich einfach nie möglich sein.

Was aber genauso wenig heißt, dass du ein schlechterer Yogi bist als jemand anders. Oder das du weniger spirituell bist. Vieles ist einfach eine Frage deiner Knochen. Und genau wie unsere Nasen, Ohren, Augen etc. unterschiedlich aussehen, so sind auch die Knochen von Mensch zu Mensch unterschiedlich gebaut.

Die Flexibilität von Instagram Yogis ist kein Maßstab. Fakt ist: Für viele Yogis ist das anatomisch einfach gar nicht möglich. Beruhigend, oder?

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Spannung und Kompression

Genau an dieser Stelle kommen die Begriffe „Spannung“ und „Kompression“ ins Spiel. „Spannung“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass deine Muskeln, Bänder und Sehnen in einem bestimmten Bereich deines Körpers einfach noch nicht sehr „gedehnt“ sind und du somit in einer bestimmten Asana an deine Grenzen stößt. Diese Spannung kann aufgehoben werden, in dem du diese Bereiche einfach regelmäßig dehnst. Mit der Zeit wirst du dann merken, dass dir diese Asana leichter fällt und du beispielsweise „tiefer“ hineinsinken kannst.

Im Gegensatz dazu steht die Kompression. Dies bedeutet, dass du aufgrund der anatomischen Gegebenheiten nicht tiefer in eine Asana gehen kannst. Bei den verschiedenen Asanas trifft man besonders oft im Bereich der Hüft- und der Schultergelenke auf Kompression. Schauen wir uns zum Beispiel einmal die Kindshaltung, Balasana, an. Diese Asana war für mich mit geschlossenen Beinen immer etwas unangenehm, lange wusste ich aber gar nicht warum. Automatisch hab ich die Beine also stets etwas geöffnet.

In einem Yin Yoga Teacher Training kam dann die große Erleuchtung: Ich kann meine Beine nicht besonders nah an meinen Oberkörper ziehen, weil der vordere Teil meines Beckenknochens relativ weit herausragt und dann in dieser Stellung gegen den Oberschenkel drückt. Er sorgt quasi dafür, dass ich mein Bein nicht näher heranziehen kann. Genau das passiert in der umgedrehten Kindshaltung: Der Knochen blockiert, ich kann nicht tiefer sinken und finde diese Haltung somit einfach nicht angenehm. Anders wird es, wenn ich meine Beine öffne und diese Kompression somit umgehe.

Kompression oder Spannung? Mach den Test!

Schau dich in deiner nächsten Yogastunde doch mal um, wenn ihr in Badrasana, der Schmetterlingshaltung, sitzt. Du wirst merken, dass einige die Knie auf der Matte ablegen können. Bei anderen berühren sie nicht annähernd den Boden. Ob das an Spannung oder Kompression liegt, wirst du durch schlichtes beobachten nicht herausfinden können, aber es gibt einen einfachen Test, den du mit deinen Yogi-Freunden durchführen kannst (bitte alles sehr sanft und langsam durchführen, seid lieb zueinander ;-):

  1. Setz dich hin und komme in Badrasana, die Schmetterlingshaltung.
  2. Bitte jetzt deinen Partner, dein rechtes Knie sanft in Richtung Boden zu drücken.
  3. Wenn du nun nach einiger Zeit ein Ziehen (also eine Dehnung) in den inneren Oberschenkelmuskeln spürst, dann bedeutet dies, dass dich hier Spannung davon abhält, tiefer zu gehen.
  4. Wenn du keine Dehnung spürst und sich beim Drücken nach unten deine linke Seite hebt, dann befindet sich dein Oberschenkelknochen im Hüftgelenk in Kompression. Das heißt egal wie sehr du dich in diesem Bereich noch dehnst, deine Knie werden nie tiefer sinken. Dein Limit in dieser Asana ist erreicht, was ganz einfach am Bau deiner Hüfte liegt.
  5. Was du jetzt noch ausprobieren könntest ist den Winkel etwas zu verändern, die Füße zum Beispiel etwas weiter vom Beckenboden zu bringen. Evtl. wird die Kompression damit umgangen und du kannst die Knie noch etwas tiefer sinken lassen. Es ist super interessant, mit den verschiedenen Winkeln zu spielen.

Instagram vs. Reality: Alles eine Frage deiner Knochen

Als Fazit daraus könnte man ziehen, dass Instagram einfach kein Maßstab dafür ist, was ein „guter Yogi“ können muss. Zunächst einmal ist Yoga sehr viel mehr, als nur die Asana-Praxis. Und die Damen (und Herren), die sich regelmäßig vor den schönsten Kulissen in die abgefahrensten Asanas biegen sind sicherlich „gut gedehnt“, aber sie haben halt auch die Knochen dafür. Das soll nicht heißen, dass du da nicht hinkommen kannst, aber man sollte seine Grenzen verstehen und akzeptieren lernen, that’s it!

Also denk dran: Vor jeder Yogastunde Ego ausstellen und annehmen, was ist und was nicht.

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Jasmin ist Yogalehrerin für Kinder und Erwachsene und lebt nun schon seit einigen Jahren in Asien. Sie träumt davon, irgendwann ein kleines Retreat (am liebsten am Meer) zu eröffnen, wo sie die Menschen mit Yoga, Massagen, Reiki und veganem Essen verwöhnen kann. Sie unterstützt Christina hier beim Happy Mind Mag hinter den Kulissen.


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