Zeitreise zurück in die Gegenwart, Teil 2: Leiden und andere Laster

Wir leiden an mehr oder weniger latenter Unzufriedenheit – nahezu immer – unabhängig davon, wie gut wir den augenblicklichen Zustand unseres Lebens bewerten. Warum ist das so? Weil wir unseren geistigen Blick oft nach vorne richten und dazu neigen, uns von den potenziellen, zukünftigen Momenten doch noch einen Hauch mehr Zufriedenheit zu erhoffen, als die Gegenwart zu bieten scheint. Wir gehen auf die Jagd nach einer besseren Zukunft, die eine absolute Erfüllung verheißt und hinterlassen dabei schwarze Löcher in der Gegenwart. So distanzieren wir uns von unserer Existenz im Jetzt und verlieren den Bezug zum Leben, welches ausschließlich im gegenwärtigen Augenblick stattfindet.

Sein wahres Wesen erkennen

Indem wir uns dieser Phantasie überlassen, verpassen wir das Leben. Wir gelangen oft zu der Einschätzung, dass wir genau jetzt gerade keine Zeit für die gegenwärtigen Belange haben – dazu, bestimmte Dinge jetzt zu tun. Die Beschäftigung mit ihnen verschieben wir daher in die ungewisse Zukunft und das mit der Absicht, Zeit für die wirklich wichtigen Dinge zu gewinnen. Tatsächlich aber verlieren wir so die einzige Zeit, über die wir verfügen können – die Zeit im Jetzt. Zudem verfügen wir alle erstaunlicherweise über genau die gleiche Zeit – ohne Einschränkungen. Das ist auch unabhängig von Lebensalter oder Lebenserwartung zu verstehen. Denn egal wie alt wir sind oder werden, wir existieren nur im gegenwärtigen Augenblick, alles andere ist nicht mehr oder noch nicht,  also so oder so in jedem Fall keine verfügbare Zeit! Die Zeit, die uns gegeben ist, nutzen wir dabei sehr unterschiedlich und oft auf eine Art und Weise, die uns dem Sein entschwinden lässt.

Wir glauben, dass wir nicht mehr existieren, sobald wir unsere Gedanken aufgeben. Wir befürchten, dass wenn wir die mentalen Vorstellungen darüber, wer wir zu sein meinen, einstellen, bliebe von uns nichts übrig und wir verschwinden im Nichts. In Wirklichkeit SIND wir aber erst genau dann. Der Prozess des Erwachens beginnt mit der Verinnerlichung dieser Erkenntnis. Es gilt die Dualität zu verstehen, die aus unserer gedanklichen Annahme unseres erdachten Selbst und unserem gegenwärtigen gedankenlosen Sein besteht. Unsere bewusste Wesenhaftigkeit ist nicht kognitiv erfahrbar.

Lernen, den Verstand zu steuern

Um der gedanklichen Belastung zu entkommen, versuchen wir oft unter die Ebene der Kognitionen herabzusinken. Mittel zu diesem Zweck kann bspw. der Konsum von Rauschmitteln sein, die kurzfristig zu einer gedanklichen Entleerung beitragen und uns so erleichtern. Unser dominantes Ego lässt sich aber nicht den Rang streitig machen und veranlasst den verlässlich arbeitenden Verstand zeitnah wieder dazu, seine tückische Aktivität wieder fortzusetzen. Neben der zeitlich also sehr begrenzten Wirkdauer dieser Maßnahme, sind beträchtliche und schädliche Nebenwirkung die Folge. Statt abzustürzen, könnten wir uns auch über die Ebene des Verstandes erheben und unser Bewusstsein transzendieren.

Der Unterwerfung der Kontrolle durch den Verstand können wir die Steuerung des Verstandes entgegensetzen. Das würde bedeuten, dass wir uns nicht seinen Impulsen ausliefern, sondern eine aktive Steuerung des Verstandes entwickeln und ihm regelmäßig Auszeiten verordnen. Und auch uns solche gönnen, durch welche wir uns dann mit dem Zustand des Seins verbinden können. Egal, ob wir unser Leben retrospektiv oder prospektiv betrachten, ist diese gedankliche Betrachtung nichts als Fiktion – auch dann, wenn wir tatsächlich erlebte Lebensereignisse zum Gegenstand der Betrachtung erheben.

Denken trennt uns vom Sein

Eine Alternative besteht in präsentem Gewahrsein. Durch wertfreie Wahrnehmung dessen was ist, können wir auch Menschen auf andere Art und Weise begegnen, indem wir uns vom Denken lösen. Insbesondere darüber, wie etwas oder jemand sein sollte. Wir sind über die Gegenwart hinaus nicht(s). Wir denken, lediglich etwas oder jemand (gewesen) zu sein. Nichts von dem, was wir zu denken sein, sind wir. Sobald wir denken, sind wir nicht mehr. Wir sind dann nicht mehr präsent und abstrahieren unser Sein auf eine gedankliche Ebene. Das Leben sind wir in jedem gegenwärtigen Augenblick. Wir müssen es nicht erst erschaffen, indem wir ihm gedanklich Ausdruck verleihen. Dadurch distanzieren wir uns nur von ihm.

Momente der Gegenwärtigkeit

Es gibt verschiedene geeignete Methoden, um mehr Gegenwärtigkeit zu erfahren. Hilfreich erleben wir die Lenkung unserer Aufmerksamkeit auf körperliche Sensationen, was Bestandteil vieler Entspannungsverfahren ist. In der Meditationspraxis verwenden wir den Atem als Anker, um in der Gegenwart zu verbleiben. Im Gegensatz zu unserem Geist ist unser Körper beständig gegenwärtig, so dass er uns eine Unterstützung sein kann. Unseren Körper vernachlässigen wir leider oft und ordnen ihn unserem Geist unter. Natürliche Phänomene können ebenfalls dienlich sein, um unseren Geist zu besänftigen. Aus diesem Grund fühlen wir uns in der Natur oft wohl und erleben diese als Rückzugsort und Oase der Ruhe. Sie ist ohne zu denken und zu werten. Sie spiegelt uns als Vorbild das pure Sein, ohne Irritationen durch geistige Zerstreuung zu erzeugen und lädt uns zum Verweilen ein.

Photocredit: Sam Young Photography


Wie man sonst noch Gegenwärtigkeit üben kann, liest du hier:

Willst du Glückspost von mir?

Liebe Christina, bitte sende mir wöchentlich und jederzeit widerruflich deine schönsten Inspirationen, Rezepte, Neuigkeiten, Infos und Angebote zu Yoga, Ayurveda und Meditation per Email zu.


Hinweise zum Newsletterversand, der Auswertung und Datenerhebung mit meinem Anbieter ConvertKit findest du in meiner Datenschutzerklärung. Mehr Infos zum Newsletter findest du hier.

Deine Daten werden ausschließlich zum Newsletter Versand verwendet. Powered by ConvertKit

About

The green guy. Kreativer Pioniergeist, der sich dem Prinzip der Ganzheitlichkeit folgend beruflich beiden Sphären der Kopfarbeit verschrieben hat. Zunächst gestartet als Frisettenschnitzer. Anschließender Besuch der Meisterschule in Köln sowie Teilnahme der high-end Eliteausbildungmaßnahme Campus Maximus in Berlin über Begabtenförderungsstipendien. Mit dem Psychologie Diplom in der Tasche folgten als Betätigungsfelder die Mitarbeit in einem verhaltenstherapeutisch orientierten Elterntraining zur Frühförderung autistischer Kinder, wissenschaftliche Projektarbeit und psychometrische Eignungsdiagnostik beim berufspsychologischen Service der Agentur für Arbeit. Aktuell begleite ich Menschen nach psychischer Erkrankung im Bereich beruflicher Rehabilitation im Rahmen von Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben. Heute als freier systemischer Coach und Heilpraktiker (Psychotherapie) tätig. Weitere Infos auf www.psysko.de. Meine Begeisterung gilt der yogischen Lebensgestaltung.


'Zeitreise zurück in die Gegenwart, Teil 2: Leiden und andere Laster' has no comments

Be the first to comment this post!

Would you like to share your thoughts?

Your email address will not be published.

© Happy Mind Mag 2018 || Dein Blog für Yoga, Ayurveda, Meditation & Achtsamkeit || Fotos © Christina Waschkies | Sina Niemeyer (falls nicht anders angegeben)